Sketch Your Life: Tätowierer Huby Obscura über Kreativität, Subkultur und die Kunst des Blackwork
- Sascha Brandt
- 27. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Wie bist du zum Tätowieren gekommen und was hat dich an diesem Beruf besonders fasziniert?
Mein Weg zum Tätowieren war ein Mix aus kreativer Prägung und Subkultur. Die Leidenschaft fürs Zeichnen habe ich von meiner Mutter in die Wiege gelegt bekommen. Später, als Teenager, bin ich in der Skate-Szene mit Punk und Hip-Hop aufgewachsen. Da war die Kunst auf der Haut allgegenwärtig. Ich habe stundenlang Graffitis gesprüht und Freunde mit Markern bemalt.
Die Initialzündung war mein erstes Tattoo mit 16. Ich war von diesem Handwerk sofort so fasziniert, dass ich den Tätowierer direkt gefragt habe, wie man das lernt. Nach meiner Ausbildung und dem Zivildienst habe ich im Geheimen extrem Gas gegeben und mich intensiv vorbereitet, bis ich 2007 endlich meine Chance im Studio bekam.
Was mich bis heute fasziniert und hält, ist die unglaubliche Möglichkeit, mich kreativ auszuleben und dabei andere Menschen glücklich zu machen. Man schafft etwas Dauerhaftes, etwas, das eine Geschichte erzählt und das Leben des Gegenübers verschönert oder bereichert. Diese Verbindung von Kunst und Vertrauen ist einfach einzigartig.
Wie würdest du deinen persönlichen Tattoo-Stil beschreiben?
Mein Stil ist tief im Blackwork verwurzelt und neigt stark zum Dark Art.
Ich liebe es, düstere, emotionale und auch sehr abstrakte Motive zu stechen. Das schließt oft abstraktes Blackwork ein, bei dem es weniger um die fotorealistische Abbildung, sondern mehr um Textur, Schatten und Atmosphäre geht. Es ist alles Black and Grey und reines Blackwork.
Dieser Stil ist für mich mehr als nur eine Technik; er passt einfach zu meinem subkulturellen Lebensstil und erlaubt mir, tiefgründige Themen und Stimmungen auf die Haut zu bringen, die bei meinen Kund:innen eine starke Resonanz finden.

Du selbst bist auch von Kopf bis Fuß tätowiert - wie viele sind es inzwischen?
Die Frage nach der Zahl kann ich eigentlich gar nicht mehr beantworten. Das Ganze hat sich über die Jahre so entwickelt, dass es nicht mehr um einzelne Stücke geht, sondern um ein großes, fortlaufendes Gesamtprojekt.
Anfangs war vieles sehr bunt, im Graffiti-Stil – das passte zu meiner Jugend. Aber irgendwann wurde es mir zu unruhig. Deshalb bin ich, passend zu meinem heutigen Stil, mit abstraktem Blackwork drübergegangen.
Ich sehe meine Haut mittlerweile als lebendes Sketchbook, auf dem ständig weitergekritzelt und das nie fertig sein wird. Man könnte sagen, ich habe ein großes Tattoo – wie eine Graffiti-Wall, die sich immer weiterentwickelt und auf der auch andere ihre Spuren hinterlassen haben."
Wie läuft dein kreativer Prozess ab – vom ersten Gespräch bis zum finalen Design?
Mein Prozess beginnt meistens online, über Instagram oder andere Social Media-Kanäle. Die Kund:innen schicken mir Wunschbilder und Referenzen, was mir einen ersten Einblick in ihre Gedanken und ihren ästhetischen Horizont gibt.
Die persönliche Beratung ist im Studio möglich, aber oft läuft die Abstimmung auch komplett digital ab. Das ist zeitsparend und effizient. Nachdem der Termin feststeht, starte ich mit der eigentlichen Kreation.
Ich versuche, den finalen Entwurf erst einige Tage vor dem Termin fertigzustellen. So bleibt die Idee frisch und ich kann sicherstellen, dass das Design perfekt auf die Anatomie abgestimmt ist.
Der Entwurf wird dann digital an die Kundin oder den Kunden geschickt, damit ich das "Go" bekomme. Wenn alles passt, kann am Termin gestochen werden. Die Kundin oder der Kunde bekommt also erst ein fertiges Bild, das dann nur noch auf die Haut übertragen wird.

Was macht für dich ein gutes Tattoo aus?
Für mich ist die Antwort sehr einfach, aber tiefgründig: Ein gutes Tattoo ist eines, das den Träger glücklich macht. Geschmäcker und Stile sind so verschieden, wie die Menschen selbst, und das ist auch gut so.
Wenn die Person, die meine Arbeit auf der Haut trägt, zufrieden ist, dann ist alles perfekt. Das Glück des Trägers ist das ultimative Maß. Natürlich gehört dazu auch, dass die technische Umsetzung stimmt – dass die Linien halten, die Farben (oder bei mir das Schwarz) satt bleiben und das Motiv auch nach Jahren noch gut aussieht. Denn nur dann hält das Glück auch langfristig an.
Welche Fehler machen Kund:innen häufig bei der Vorbereitung oder Pflege eines Tattoos?
Der größte Fehler passiert oft schon vor dem ersten Gespräch, nämlich die fehlende Recherche. Die Zeiten, in denen ein Tätowierer alle Stile gleich gut beherrscht, sind vorbei. Wir sind heute spezialisiert, um Top-Qualität abliefern zu können.
Deshalb lautet mein Appell: Informiere dich, welche Stilrichtung dir gefällt, und suche dann gezielt einen Tätowierer, der genau das macht. Nur dann ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass dir das Endergebnis langfristig gefällt. Es gibt heute Hunderte Studios, man muss nicht mehr zum Alleskönner.
Was die Vorbereitung und Pflege angeht, sind die Klassiker: zu wenig Schlaf in der Nacht davor, Alkoholkonsum oder, beim Heilungsprozess, das zu frühe Baden oder Schwimmen. Geduld und Disziplin sind hier der Schlüssel, um das Kunstwerk auch wirklich zu schützen.
Gibt es ein Motiv, das du besonders gern stichst – und eines, das du eher ungern machst?
Was mich wirklich beflügelt, sind Ganzkörper-Konzepte, die einen durchgängigen Flow haben. Wenn ich das Privileg habe, den gesamten Körper oder große Körperareale über eine lange Zeit hinweg zu gestalten, um ein stimmiges Gesamtbild zu erschaffen, dann macht sich die Arbeit bezahlt und begeistert mich am meisten.
Motive, die ich ungern mache, gibt es in dem Sinne nicht. Solange ich die kreative Freiheit habe, die Idee der Kundin oder des Kunden in meinen spezifischen Dark Art / Blackwork-Stil zu übersetzen, bin ich für fast alles offen. Wenn der Stil nicht passt oder die Freiheit fehlt, würde ich eher ablehnen – aber es liegt weniger am Motiv als am fehlenden künstlerischen Spielraum.
Wie gehst du mit Trends um? Folgst du ihnen oder setzt du lieber eigene Akzente?
Ich sehe das so: Die Kunst entwickelt sich ständig weiter, und wenn man nicht stehenbleiben will, muss man mit der Zeit gehen. Das ist für mich eine Frage des Interesses und der Leidenschaft.
Da mein Stil aber so klar definiert ist – als Dark Art und Blackwork – folge ich nicht jedem Trend. Ich werde keinen Fineline-Minimalismus stechen. Stattdessen setze ich eigene Akzente und hole mir Inspiration, die meine Ästhetik vertieft.
Das bedeutet: Ich adaptiere neue Techniken oder Interpretationen, die mein Blackwork noch intensiver, abstrakter oder düsterer machen. Ich nutze die Weiterentwicklung der Szene, um meinen spezialisierten Stil zu verfeinern, statt ihn mit kurzlebigen Moden zu verwässern.
Was war bisher dein emotionalstes oder herausforderndstes Tattoo-Projekt?
"Mein emotionalstes Projekt war ganz klar der Anfang. Ich habe erst einmal auf meinem eigenen Körper experimentiert: Als meine Oberschenkel voll waren, kam dann der nächste, noch emotionalere Schritt: meine Familie. Zum Glück hatte ich sie, die mir den Rücken gestärkt hat.
Mein Papa, meine Mama und meine Schwester haben sich zur Verfügung gestellt. Das war ein riesiger Vertrauensbeweis, den ich nie vergessen werde. Es gab nichts Herausfordernderes, als diese ersten Linien bei den Menschen zu stechen, die einem am meisten bedeuten.
Ich sehe diese Anfänge als die emotionalste und herausforderndste Zeit, weil das Ergebnis maßgeblich über meinen weiteren Weg als Tätowierer entschieden hat.
Wie siehst du die Zukunft der Tattoo-Szene – ästhetisch, technisch oder gesellschaftlich?
Gesellschaftlich sehen wir, dass die Akzeptanz in vielen Ländern enorm gewachsen ist. Das Tattoo ist im Mainstream angekommen, was ich insgesamt als etwas Positives empfinde. Die brachialere Zeit, als ich angefangen habe, war zwar auf ihre eigene Art 'mega geil' und dreckig, aber ich finde es schön, dass die Kunst heute so breit angenommen wird.
Die ästhetische Zukunft sehe ich stark in der Planung. Die Leute kommen heute in Studios und wissen von vornherein, dass sie 'voll' werden wollen. Das führt dazu, dass sie frühzeitig über körperliche Gesamtkunstwerke und Flow-Konzepte nachdenken. Sie wollen, dass die Stücke zusammenpassen, was unsere Arbeit als gestaltende Künstler noch wichtiger macht.
Technisch ist die Entwicklung extrem rasant. Ich freue mich über alles, was neu ist, auch wenn man nicht jede Neuerung mitmachen muss. Aber das Interesse an technischem Fortschritt ist wichtig, um die Qualität und die Möglichkeiten unserer Kunst immer weiter zu verbessern.
Sketch your Life! ✌️Huby Obscura
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Übrigens, Huby`s Freundin war auch schon Teil von Kunst&Kante, lies nochmal rein: Zum Beitrag
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