Wenn der Körper zum Feind wird: Emilys Kampf nach einem medizinischen Fehler
- Sascha Brandt
- 8. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Dez. 2025
Manchmal liest man Geschichten, die einem kurz den Atem nehmen. Nicht, weil sie spektakulär oder reißerisch wären – sondern weil sie so roh, echt und menschlich sind, dass man unweigerlich innehält. Emilys Geschichte ist genau so eine.
Mit gerade einmal 26 Jahren hat sie mehr erlebt, als viele in einem ganzen Leben. Eine schwere Kindheit, ein schwieriger Start ins Erwachsenenleben, finanzielle Kämpfe – und dann eine Brust-OP, die in einem medizinischen Albtraum endete, der ihren Körper, ihre Psyche und ihre Existenz erschüttert hat.
Im Interview spricht Emily offen darüber, wer sie ist, was wirklich passiert ist und wie es sich anfühlt, wenn das eigene Vertrauen in Ärzt*innen, der eigene Körper und das eigene Leben plötzlich zerbrechen. Sie erzählt von Schmerzen, Angst, Scham – aber auch von Mut, Selbstreflexion und der Hoffnung, irgendwann wieder selbstbestimmt leben zu können.
Es ist ein Gespräch über körperliche wie seelische Wunden. Über ein Gesundheitssystem, das Menschen im Stich lassen kann. Und über die Frage, wie man weitermacht, wenn man eigentlich nicht mehr kann.

Hey Emily, wer bist du?
Ich bin Emily, 26, geboren in Bayern, lebe aber mittlerweile in Wien. Ich komme aus einer sehr zerrissenen, schweren Familie und hatte eine Kindheit, die mich leider mehr geprägt hat, als mir lieb ist. Vieles davon war traumatisierend – aber ich versuche trotzdem, ein liebevoller und empathischer Mensch zu bleiben.
Was machst du beruflich?
Ich bin gelernte Einzelhandelskauffrau im Bereich Baustoffe und habe die letzten Jahre im Marketing gearbeitet. Seit 2019 mache ich zusätzlich OnlyFans – inzwischen nur noch sehr geringfügig, weil körperlich wie psychisch einfach nicht mehr möglich ist. Aber es war lange meine einzige Chance, über Wasser zu bleiben.
Du hast dieses Jahr eine Brust-OP gehabt – was genau wolltest du verändern?
Ich wollte nicht „perfekt“ sein – nur natürlicher. Meine alten Implantate waren zwei runde, harte Bälle. Ich wollte schönere, weichere, natürlichere Brüste, die einfach ein bisschen hängen dürfen. Ich wollte mich endlich wieder wohlfühlen – nicht mehr und nicht weniger.
Bei deiner OP lief nicht alles glatt – was ist passiert?
Nach der ersten OP ist nach zwei Wochen meine linke Brust an der Narbe aufgeplatzt. Es ist literweise gelbe Flüssigkeit und Blut rausgelaufen – damals sagte man mir, es sei „nur ein Serom“. Heute weiß ich, dass es Eiter war.
Das Implantat war offenbar schon bei der OP kontaminiert worden. Das kann passieren – aber normalerweise wird es dann sofort entfernt oder ausgetauscht. Bei mir wurde das aber nicht gemacht.
Ich bin nach Tschechien zurück, hatte meine erste Not-OP: alles wurde aufgeschnitten, ausgespült, Drainage gelegt – aber das Implantat blieb drinnen. Zwei Wochen mit Drainage, dann raus. Am selben Tag kam wieder Flüssigkeit. Drei Wochen lang wurde es nicht besser.
Dann entstand plötzlich ein Loch, durch das man das Implantat sehen konnte. Nächste Not-OP. Wieder aufgeschnitten, Brusttasche vergrößert, neue Drainage. Diese hatte ich 5–6 Wochen.
Dann wies mich die Ärztin über Videocall an, die Drainage selbst zu entfernen. Danach sah es kurz besser aus – aber innerlich fühlte ich mich nie gut.
Dann bildete sich eine Beule. Plötzlich platzte wieder Flüssigkeit heraus. An einer zweiten Stelle entstand ein neues Loch. Wir wollten am nächsten Tag ins Krankenhaus fahren – doch am Morgen danach sah mein Freund es an und rief sofort die Rettung.
Die Sanitäter*innen waren schockiert und unglaublich lieb.
Im Krankenhaus hatte ich jedoch Pech:
Eine Ärztin ohne Empathie steckte mich in einen Schlafraum ohne Privatsphäre, wollte mir das Implantat ohne Betäubung mit einer Zange aus der offenen Wunde ziehen. Ich habe panisch reagiert – sie machte ein Foto mit ihrem Handy, hielt es mir ins Gesicht und sah meine Angst nur als „Hysterie“.
Die Schmerzen waren unbeschreiblich. Ich blutete extrem. Danach sah ich mein eigenes Fettgewebe herausragen. Trotzdem wurde ich eiskalt heimgeschickt – mit der Aussage, ich müsse das vermutlich selbst zahlen.
Ein paar Tage später hörte eine andere Ärztin im selben Krankenhaus von meinem Fall. Sie war das Gegenteil: warm, empathisch, menschlich. Sie wies mich sofort stationär ein, nähte mich zu, stabilisierte die Brust und tat wirklich alles, was möglich war.
Aber sie musste viel Gewebe entfernen. Sehr viel. Heute ist meine Brust ein tiefer Krater, völlig entstellt. Das war meine dritte Not-OP und insgesamt die vierte OP in drei Monaten.

Warum ist das den Ärzten nicht aufgefallen?
Ich wurde falsch diagnostiziert. Nicht aus Bosheit, vermutlich aus Unwissen oder Fahrlässigkeit. Aber das macht es nicht weniger schlimm.
Diese Fehldiagnose hat mich über drei Monate ans Bett gefesselt, meinen Körper und Geist zerstört und mich finanziell komplett ruiniert.
Hätte man das alles vermeiden können?
Ja. Wenn man das Implantat bei der ersten Komplikation entfernt oder zumindest ausgetauscht hätte. Diese Option wurde mir nie gegeben.
Wie sehen deine Brüste nun aus?
Die rechte Brust sieht genauso aus, wie ich es mir gewünscht hatte.
Die linke dagegen ist eine Katastrophe. Komplett zerstört, entstellt, ein Krater. Es bricht mir jedes Mal das Herz, wenn ich es sehe.
Gibt es die Chance, dass Ärzte oder Versicherungen zahlen?
Sie würden mich kostenlos „reparieren“ – aber ich möchte nicht mehr dorthin zurück. Ich suche lieber einen seriösen Arzt in Österreich.
Nur ist das sehr teuer, und ich bin finanziell am Ende. Wir kämpfen mit Miete, Strom, Schulden und Essen. Ich muss momentan tatsächlich um Spenden bitten, weil es gar nicht anders geht.
Wie geht es dir selbst mit der Situation?
Es geht mir schlecht.
Ich habe Albträume, wache schweißgebadet auf, kann meinen Körper kaum ansehen. Ich habe Angststörungen, Trauma, Panikattacken. Körperlich bin ich auch zerstört – mein Rücken, mein linker Arm, meine Muskeln. Ich müsste dringend in Physiotherapie, aber ich halte es psychisch gerade nicht aus, wieder zu Ärzten zu müssen.
Wie fühlst du dich in deinem Körper?
Gefangen.
Ich habe Bewegungseinschränkungen, Schmerzen und das Gefühl, in einem Körper zu stecken, der nicht mehr meiner ist.
Bereust du die OP?
Ja. Zu 100 %.
Ich würde alles dafür geben, sie rückgängig zu machen.
Was ist nun das weitere Vorgehen und Ziel?
Erstmal: irgendwie wieder auf die Beine kommen. Körperlich und psychisch. Ich suche sogar schon wieder einen Job, obwohl ich es eigentlich nicht dürfte, aber wir stehen finanziell am Abgrund.
Mein Partner musste bereits das Erbe seiner verstorbenen Mutter aufgeben, um unsere Wohnung zu retten. Er hat Schulden bei der Bank, weil er alles alleine zahlen musste, während ich nicht arbeiten konnte.
Wenn es mir irgendwann besser geht und wir nicht mehr um die Grundbedürfnisse kämpfen müssen, möchte ich die Brust rekonstruieren lassen. Dafür möchte ich sparen – aber momentan gehen alle Spenden in Miete, Strom, Heizung, Schulden und Essen.
Ich wünsche mir einfach, wieder normal auszusehen und meinen Körper normal benutzen zu können.
Wie kann man dir helfen?
Mit Spenden – so unangenehm es ist, das sagen zu müssen.
Weihnachten fällt für uns komplett aus. Ich habe ein GoFundMe eingerichtet und eine Wishlist mit dem Nötigsten wie Katzenfutter usw., damit wir über die Runden kommen.
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