Bondage und andere Seilschaften
- Petra Fritz

- vor 3 Stunden
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.... oder was sich ändert, wenn aus dem "a" einer Bandage ein "o" wird? Böse Zungen würden das eine "Geiselnahme ohne Lösegeld" oder "Stockholm-Syndrom" nennen.




Im Erotic Art Museum in Hamburg (Eintritt gratis gegen Spende) gibt es so manches zu entdecken, wie die ehemalige Eingangstür des Starclubs (Große Freiheit 39), eine historische Vibratorensammlung sowie das legendäre Gemälde von Kiezikone Domenica und Auszüge aus ihrer Korrespondenz mit den Freiern. Manchmal gibt es auch Live-Performances vom Feinsten wie Aktmalerei, 3D-Brillen-Erlebnisse respektive NFT-Kunst in digitalen Räumen oder andere erotische Spielarten wie Bondage. Die Kunst des Fesselns mit Seilen und Bändern wird geradezu zum Kult(ur)erlebnis, wenn Experten wie Matthias Grimme und Partnerin Nicole zu Gast sind. Matthias T. J. Grimme, auch bekannt unter dem Künstlernamen Tatsu Otoko, ist ein deutscher Autor, Verleger sadomasochistischer Literatur und Zeitschriften, Fotograf und Fesselkünstler japanisch inspirierter Bondage.
Lust des "Opfers" oder Dominanz des "Täters"?
Bei Seilen denkt man einerseits an Sicherheit, aber auch an Abhängigkeit. Zum Beispiel, wenn man - mit oder ohne einer Seilschaft - eine Felswand erklettert oder auf ein Lasten- bzw. Zugseil zum Transport angewiesen ist. Seile, Stricke oder andere Materialien können aber auch die (Bewegungs-)Freiheit nehmen und der Arretierung von Personen dienen - sei es mit (Bondage) oder ohne (Freiheitsberaubung) deren Zustimmung. Wird das Fesseln zu einer Spielart oder offenen "Komplizenschaft" wie beim BDSM, also im Sadomasokontext, bezeichnet man solche Handlungen als "Bondage". Es handelt sich also um das Anlegen einer Bandage als Einschränkung der Bewegungsfreiheit mit gewisser Verbundenheit im Sinne von Zustimmung. Ein zusätzlicher Reiz wird ggf. durch ein Verbinden der Augen der gefesselten Person gesetzt.


Der Begriff stammt aus dem Englischen und bedeutet "Unfreiheit" oder "Knechtschaft". Im Bereich der Erotik ist es das Streben durch Restriktion eine besondere Art der Macht oder gar Ästhetik auszuüben und zu erleben. Anderswo, wie z.B. in Japan versteht man darunter auch die Kunst der schönen Knoten und Seilmuster (Shibari).
Beides läßt sich gewissermaßen verbinden, wenn man bedenkt, daß in China und Japan historisch bestimmte Knotenmuster und Seilfarben auf die Herkunft einer Person, die Art der Missetat oder der machthabenden Organisation schließen ließen; Shibari hat in einschlägigen Kreisen - ähnlich bestimmter Tätowierungen - möglicherweise bis heute eine Bedeutung.
Beim sog. erotischen Fesseln ist eine Kombination möglich und unabhängig vom Geschlecht. Es wird häufig genutzt, um Machtspiele in Form von Dominanz und Unterwerfung auszuleben. Eine gewisse Art von Schmerz kann helfen, sich ganz auf die eigenen Empfindungen zu konzentrieren und ggf. die Lust zu steigern. Laut Grimme kann - je nach Empfinden und Vorstellungskraft der gefesselten Person - ggf. schon ein dünner Nähseidenfaden reichen, um ein Bondage-Gefühl hervorzurufen. Soviel zur Theorie.
Wichtigste Bondage-Regel - Sicherheit
Damit es nicht zu Mißverständnissen oder gar Verletzungen (physischer oder auch traumatischer Natur) kommt, sollten möglichst immer weiche Materialien verwendet werden, also z.B. flauschige Handschellen, gepolsterte Bänder oder glatte dehnungsarme Stricke, um Einschnitte oder schmerzhafte Scheuerstellen zu vermeiden.
Des weiteren ist unbedingt darauf achten, daß die Durchblutung der betreffenden Gliedmaßen gesichert ist. Am besten der fesselnde Partner kann sich im Zweifelsfall selbst von seinem "Fetisch" befreien; sei es mittels einer bereitgelegten EMT-Verbandsschere oder oder gar durch die (ausschließliche) Anwendung sich leicht lösender Knotentechniken a la Palstek, wie sie die Seefahrt kennt. Gegebenenfalls sollten die Akteure vorab einen Abbruchcode vereinbaren.
Durchstöbert man das Internet, stößt man auf diverse Fachzeitschriften, Magazine, Bücher und Tutorials, die sich mit dem Thema historisch und aktiv-kreativ befassen. "Bondage auf Augenhöhe" zwischen Fesselkünstler und Fesselmodel ist für die Akteure offensichtlich viel mehr, als anderen weh zu tun und dabei Dominanz und Freude zu empfinden. Je nach Spielart kann es einfühlsames oder auch mal ruckartiges Wunschempfinden sein - so wie zwischen Grimme und seiner Partnerin Nicole.
Bondage als "Kunst der Unvernunft"


Tja, was ist schon vernünftig? Erlaubt ist, was den Beteiligten Spaß macht und gefällt ohne gesundheitliche Risiken einzugehen. Das kann auch mal anstrengend und unbequem, aber eher nicht schmerzhaft sein.
Grimme, gelernter Krankenpfleger und studierter Sozialwissenschaftler, der lange in der Psychiatrie arbeitete, gibt u.a. Workshops und die Zeitschrift Schlagzeilen heraus, die für viele Bondage-Anhänger (und solche die es werden wollen) seit über 20 Jahren eine zielführende und bereichernde Informationsquelle rund um BDSM ist.
Der Hamburger Bondage-Experte und Verleger (in einschlägigen Kreisen auch als "Drachenmann" bekannt) bildet zusammen mit seiner Partnerin Nicole (alias "Ropecat") das dienstälteste japanisch inspirierte Bondage-Paar weltweit. Seit vielen Jahren veranstalten sie bundesweit und international Workshops und Shows. Auch privat betreiben die beiden die Kunst des Fesselns gemäß dem Motto: Seid umschlungen bzw. umgarnt. Partnerin Nicole ist übrigens gelernte Bankkauffrau und arbeitet beim Berufsverband "Erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V."
Bevor die beiden einen Ausschnitt aus ihrem Repertoire zeigen und dann für Fragen und anregende Gespräche zur Verfügung stehen, wird der Abend durch eine Lesung der besonderen Art eingeleitet.
Der Text ist ein Auszug aus dem Schlagzeilen-Magazin. Er trägt den Titel "Die Sprache der Knoten" und entstammt der Feder von Sefanie Herbst, vorgetragen vom Leiter des Erotic Art Museums Ekkehart Opitz. Die Autorin beschreibt darin dezidiert und höchst brillant die Stimmungs- und Gefühlswelt eines ersten, eher zufälligen Bondage-Erlebnisses und macht Leser und Zuhörer so augenblicklich zum Teil ihrer ganz persönlichen Seilschaft mit einem neuen Selbstbewußtsein, das den Blick auf das Leben völlig auf den Kopf stellt. Herbsts Titelfigur wird im Rahmen einer langweiligen Busfahrt in einer Scheune zur Fesselkünstlerin an einem ihr bis dato unbekannten Herrn, der im Stillen nur darauf gewartet zu haben scheint, daß die zufällig in einer Ecke liegenden Seile ihren Weg finden.



Die anschließende ca. 20 Minuten dauernde Live-Performance zu eher sanften irischen Klängen auf engstem Raum in hautnahem Kontakt mit den Protagonisten wirkt von Grund auf ehrlich; durch die räumliche Nähe ja fast wie ein intimer Privatakt, nicht wie eine inszenierte Show. Bei genauerem Hinsehen erkennt man nicht nur eine überlegte Vorgehensweise vom Oberkörper über Arme und Handgelenke hin zu Beinen und Füßen, sondern auch der Positionierung und Art der Knoten. Mal werden sich kreuzende Seile darüber, mal darunter durchgeführt; mal entsteht ein Knoten durch Umwickeln und wieder Herausziehen eines Fingers usw.
Hier gibt es ganz klar keinen "Täter" und kein "Opfer" - beide stehen miteinander in Wort- und Augenkontakt, meist begleitet von einem Lächeln und lassen sich zwischen dem Anlegen der verschiedenen Seile immer wieder Zeit für Liebkosungen.
Kopfkino und Fazit
Sind wir alle hier Voyeure und in wie weit läßt sich die temporär entstehende Lust am Tun mit dem "Stockholm-Syndrom" vergleichen? Gemeint ist damit eine Art psychologischer Schutzmechanismus als unbewußte Überlebensstrategie bei Geiselhaft, die beim Opfer gegenüber dem Täter von Verständnis bis Loyalität reichen kann.
Angesichts der musikalischen Untermalung, kommt mir unwillkürlich der Gedanke, wie wohl die "Fesselchoreografie" zu Ravels Bolero aussehen würde, das seinerzeit als erotisches, sich gegen Ende steigerndes Musikspektakel komponiert wurde. Angesichts der abgewinkelten Beinpositionen von Nicole frage ich mich überdies, wie und wo der Meister wohl die Knoten anbringen würde, wenn sein Gegenüber die Gelenkigkeit einer rhythmischen Sportgymnastin hätte, die ihr Bein im Hyperspagat neben dem Kopf ablegen kann.
Eine Bondage-Demonstration in der Hängeschaukel war in dem kleinen Museumsraum spontan freilich nicht möglich, für Kenner und Könner ist dies aber eine durchaus interessante Variante. Gewissermaßen bringen sich auch Zirkusartisten, die am Vertikalseil oder mit Tüchern arbeiten, durch immer neue Wickelaktionen und-techniken in vielfach spektakuläre Haltepositionen, wobei die Seile das (Körper-)gewicht tragen und dabei kurzfristig auch einschnüren.

Mindestens ebenso prickelnd war m.E. das gefühlvolle langsame Entpacken von Nicole als Grande Finale, also das sukzessive Lösen der roten Seile vom teils bloßen Körper - ein fesselndes Event bis zum Schluß. Und wer jetzt sagt, das wäre nichts für ihn: Das mag sein, aber man sollte nie über etwas urteilen, daß man nicht kennt oder nicht selbst am eigenen Körper gefühlt und erfahren hat!



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