„Wenn der Adressat sich nicht aufregt, hat man was falsch gemacht“
- Sascha Brandt
- vor 16 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Sie wollte eigentlich Recht anwenden, um die Welt gerechter zu machen – doch stattdessen landete sie selbst auf der Anklagebank. Carla Hinrichs ist das Gesicht der "Letzten Generation". Die 1997 in Bremen geborene Jurastudentin brach kurz vor dem ersten Staatsexamen ihr Studium ab, um Vollzeitaktivistin zu werden. Seitdem polarisiert sie: Als Pressesprecherin in Talkshows und als Aktivistin auf der Straße. Inzwischen mehrfach angezeigt und vor Gericht, riskiert sie ihre bürgerliche Zukunft für den Klimaschutz. Kunst&Kante hat mit Carla darüber gesprochen, was sie antreibt.

Hey Carla, noch klebrige Hände von der letzten Straßenblockade?
Ne, aber vom basteln meiner Weihnachtsgeschenke. Die Straßenblockaden der
Letzten Generation gibt es nun seit einem Jahr nicht mehr. Denn wir sind nicht
mehr die letzte Generation vor der Klimakrise, wie als wir angetreten sind.
Derzeit stehst du vor Gericht für deine Aktionen, die du für "Die letzte Generation" geplant und durchgeführt hast. Was genau wird dir vorgeworfen?
Ich habe mich 2022 und 2023 mehrmals in Berlin auf die Straße geklebt, um in
der alles bedrohenden Klimakrise den Alltag für kurze Zeit zum Innehalten zu
bringen. Mir wird vorgeworfen damit Menschen genötigt und Widerstand gegen
die Polizei geleistet zu haben.
Du argumentierst, dass du aus einer Notlage heraus gehandelt hättest. Kannst du das genauer erklären?
Seit Jahrzehnten warnen Wissenschaftler:innen vor einer eskalierenden
Klimakrise, die unser Leben auf der Erde grundlegend verändert. Heute kostet
diese Krise bereits tausende das Leben. In einer Notlage erlaubt das Gesetz
auch zu störenden Maßnahmen zu greifen um diese abzuwenden. Und genau in
dieser Situation habe ich mich auf die Straße geklebt.
Welche Strafen erwarten dich?
Inzwischen kann es gut sein, dass ich einmal ins Gefängnis muss. Zusätzlich zu
den Straßenblockaden wird mir von der bayrischen Staatsanwaltschaft
vorgeworfen mit der Letzten Generation eine kriminelle Vereinigung gegründet
zu haben. Das Verfahren vor Gericht soll 2026 los gehen und ein Urteil bis zu 5
Jahren Haft bedeuten. Sie werfen mir vor, dass wir uns zusammen getan haben
um Gesetze zu brechen. Dabei war es genau das Gegenteil, wir wollten dass
der Staat seine Gesetze einhält.

Warum braucht es aus deiner Sicht radikale Protestformen?
Radikal bedeutet ein Problem bei der Wurzel anzugehen und eine grundlegende
Veränderung anzustreben. Wenn in der Klimakrise alles was uns lieb ist auf dem
Spiel steht und die Zeit in der wir Handeln können uns davon rennt bringen uns
kleine Reformen nicht weiter. Die Letzte Generation wollte genau das erreichen:
Alles verändern um alles zu schützen.
Da ihr mit dem Festkleben aufgehört habt, gehe ich davon aus, dass
ihr verstanden habt, dass es die Bevölkerung eher gegen das Thema
aufgebracht hat anstatt auf eurer Seite zu sein?
Man muss nur in die Geschichte des friedlichen Widerstands zurückblicken um
zu erkennen: Die größten Errungenschaften unserer Zeit wurden nicht durch
das Hochhalten von Plakaten erstritten. Sondern durch Menschen die sich
eingemischt und Spannung erzeugt haben. Martin Luther King war einer der
meist verhasstesten Menschen der USA, Frauen die für das Wahlrecht
gekämpft haben wurden als hysterisch diagnostiziert. Manchmal muss man
durch einen Konflikt durch um echte Gerechtigkeit zu erreichen.
Was ist anstrengender: der Aktivismus oder die Kommentarspalten im Internet?
Die Kommentarspalten zeigen mir, dass noch viel zu tun ist um die Menschen
zusammen zu bringen. Der Aktivismus holt mich aus der Ohnmacht raus und
gibt mir eine Handlungsmöglichkeit.
Wenn du eine Protestform erfinden dürftest, die garantiert niemanden aufregt – was wäre das?
Sie würde nicht existieren. Wenn der Adressat sich nicht aufregt hat man was
falsch gemacht.
Wie fühlt es sich an, wenn Politiker:innen dich für kriminell erklären, während dieselben Politiker:innen den Klimabericht offensichtlich nie
gelesen haben?
Ich glaube fest daran, dass die Menschen erkennen werden wer die wahren
Kriminellen sind, wenn im Sommer die Supermarkt Regale leer sind, weil all die
Ernte vertrocknet ist. Man kann den Boten der schlechten Nachrichten zwar
einsperren, die Botschaft geht damit aber nicht weg.
Was findest du schwerer: Deutschland zu mehr Klimaschutz zu bewegen – oder einen Platz im ÖPNV zur Rushhour zu bekommen?
Beides schwer und genau da liegt der Knackpunkt. Unter mangelndem
Klimaschutz und kaputt gespartem ÖPNV leiden die Ärmsten, die die am
Wenigsten dafür können als erstes. Vielleicht sollte man unseren Privat-Jet
Kanzler mal zur Rushhour in den Bus in Berlin setzen und gucken was passiert.
Wie viele eurer Aktivist:innen verbringen ihren Urlaub mit Yoga und
Surfen auf Bali?
Im Schneidersitz auf der A 100 sitzen ist für die meisten von uns genug Yoga.
Wie fühlt es sich an, von Menschen beleidigt zu werden deren Welt du
eigentlich retten möchtest?
Ich glaube, dass der Mensch im Grunde gut ist. Dass die Umstände einen jeden
zu dem gemacht haben wie er heute handelt. Und diese Umstände sind es, die
wir ändern müssen.
Kannst du dir vorstellen, dass ihr mit gemäßigteren Aktionen auch mehr Publikum positiv von euch überzeugen könntet?
Ziviler Widerstand lässt sich oft erst nach Jahrzehnten wirklich bewerten. Was
wir ausgelöst haben weiß heute niemand. Wie groß die Veränderungen sind, die
unser Handeln ausgelöst hat, wird sich erst mit der Zeit zeigen.
Die Letzte Generation will Wandel. Was wäre das absolute Traum-Szenario, das du morgen gern aufwachen würdest?
Es geht uns allen gut. Aber da das hier ganz sicher kein Traum ist und sich auch
nicht wie von den meisten erhofft plötzlich mit irgendwelchen
Traumtechnologien lösen lässt, wäre das beste Szenario morgen aufzuwachen
in eine Welt in der die Menschen sich entschlossen haben sich gegen die
Ungerechtigkeit aufzulehnen.



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