Welt-AIDS-Tag: Warum Erinnerung allein nicht reicht
- Sascha Brandt
- 1. Dez. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Der 1. Dezember ist ein Datum, das im Kalender leicht übersehen werden kann – irgendwo zwischen frühen Adventsmärkten und ersten Geschenklisten. Und doch erinnert uns der Welt-AIDS-Tag jedes Jahr daran, dass Solidarität mehr ist als ein Hashtag, rote Schleife oder ein schnell geklicktes Sharepic. Es ist ein Tag, der erzählt, wo wir stehen – und wo wir stehen bleiben würden, wenn wir aufhören hinzuschauen.

HIV ist heute längst kein Todesurteil mehr. Moderne Therapien ermöglichen Menschen ein Leben ohne Einschränkungen, ohne Übertragungsrisiko, ohne das Stigma früherer Jahrzehnte. „U = U“ – undetectable equals untransmittable – ist medizinischer Fakt. Und trotzdem existiert die Realität vieler Betroffener noch immer im Schatten: Diskriminierung am Arbeitsplatz, veraltete Vorstellungen, Angst vor Ablehnung. Die Diagnosen sind seltener geworden, die Vorurteile erstaunlich robust.
Gerade Deutschland zeigt jedes Jahr aufs Neue diese widersprüchliche Bilanz: medizinischer Fortschritt auf der einen Seite, gesellschaftliche Trägheit auf der anderen. Warum wissen viele Menschen, dass man sein Smartphone alle zwei Jahre austauschen sollte, aber nicht, dass eine HIV-Therapie die Viruslast auf null senken kann? Warum diskutieren wir über Influencer-Skandale, aber kaum über die Menschen, die jeden Tag mit Stigma leben müssen?

Der Welt-AIDS-Tag existiert, weil Sichtbarkeit ein Schutzfaktor ist. Weil Aufklärung eine soziale Pflicht bleibt. Und weil Kunst, Kultur und Medien Räume schaffen können, in denen über Intimität, Verletzlichkeit und Gesundheit gesprochen wird, ohne dass jemand rot wird oder wegschaut.
Vielleicht ist das die Aufgabe unserer Zeit: HIV nicht als dunkles Kapitel der Vergangenheit abzulegen, sondern als Teil einer Gegenwart, in der Aufklärung Leben verändert. Eine Gegenwart, in der wir akzeptieren, dass Solidarität keine Geste ist, sondern Arbeit. Und eine Zukunft, in der niemand mehr erklären muss, warum er oder sie sich für medizinische Fakten, Selbstbestimmung und ein Ende von Stigmatisierung einsetzt.
Der Welt-AIDS-Tag erinnert uns daran, dass Veränderung nur dort entsteht, wo wir weiterreden – laut, unbequem und mit offenem Blick.
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