Von der Pflege eigener Angehörigen und einem System, dass selbst Pflege braucht
- Sascha Brandt
- 2. Dez. 2025
- 4 Min. Lesezeit

Pflege bedeutet Nähe, Verantwortung und oft: Überforderung.
Shay, 24, ist Pflegefachfrau – und pflegt seit Kurzem ihre Urgroßeltern in Vollzeit zu Hause. Aus Überzeugung, aus Liebe und weil das System sie zu diesem Schritt drängt. Im Interview spricht sie offen über emotionale Belastungen, strukturelle Missstände und darüber, warum Pflege ein schöner Beruf sein könnte – wenn die Rahmenbedingungen es zuließen.
Du pflegst deine Urgroßeltern in Vollzeit – warum machst du das und nicht z. B. ein Pflegeheim?
Während meiner Ausbildung hatte ich auch einen Einsatz im Pflegeheim – und das war für mich eine echte Grenzerfahrung. Ich habe gesehen, dass Bewohner oft ohne Handschuhe gewaschen wurden, Händedesinfektion kaum durchgeführt wurde und viele Bewohner dadurch Infektionen hatten. Außerdem wurde häufig schlecht mit und über die hilfebedürftigen Menschen gesprochen, manche wurden angeschrien oder nicht mobilisiert, weil das Personal fehlte oder auch einfach keine Lust dazu hatte. Ich selbst musste schon im ersten Halbjahr meiner Ausbildung einen ganzen Wohnbereich alleine versorgen. Diese Erfahrungen und viele mehr, haben mir gezeigt, dass Pflegeheime für meine Großeltern keine Option sind. Deshalb habe ich mich entschieden, die Pflege selbst zu übernehmen.
Wirst du für deinen Einsatz bezahlt und wenn ja, von wem?
Ja. Prinzipiell bezahlen mich meine Großeltern. Sie erhalten Pflegegeld von der Pflegekasse und dürfen selbst entscheiden, wofür sie es verwenden. Sie sind also nicht verpflichtet, mir das Pflegegeld zu geben.
Ist die Bezahlung, die du für deine Angehörigenpflege bekommst, genauso hoch wie in einem Pflegedienst?
Definitiv nicht. Wenn ich Vollzeit in meinem erlernten Beruf arbeiten würde, hätte ich deutlich mehr Gehalt, und das noch ohne die Zuschläge, die zusätzlich gezahlt werden.
Hast du mit viel Bürokratie zu tun, um die Pflege und finanziellen Leistungen zu beantragen?
Ja, auf jeden Fall. Pro Woche bekomme ich einige Briefe von der Pflege- oder Krankenkasse. Oft muss ich persönlich vorbeigehen, Briefe abgeben oder anrufen, wenn etwas nicht per Post erledigt werden kann.
Hilft dir der Staat dabei oder fühlst du dich manchmal im Stich gelassen?
Geldleistungen wie Pflegegeld, Verhinderungspflege, Entlastungsbetrag oder Kurzzeitpflege sind sehr hilfreich, allerdings decken sie nicht alles ab. Ich bin dankbar, dass wir darauf Zugriff haben, doch in der Praxis fehlen oft kurzfristig verfügbare Kräfte für die direkte Entlastung. Die Bürokratieabbau zum Beispiel wäre eine große Erleichterung. Außerdem wäre es sehr wünschenswert, wenn pflegende Angehörige, die eine Vollzeitpflege übernehmen, durch ihre Pflegetätigkeit nicht nur unfall-, sondern auch krankenversichert wären. Derzeit muss man seine Krankenversicherung selbst bezahlen – oder zusätzlich zur intensiven Pflege arbeiten um krankenversichert sein zu können. Alles in allem sind die staatlichen Leistungen nicht schlecht, aber in der Umsetzung gibt es noch Verbesserungsbedarf.
Ein Job in der Pflege ist sehr belastend, körperlich und psychisch. Wie anders ist es, wenn es die eigenen Verwandten sind, die man pflegt?
Das ist etwas völlig anderes. Körperlich ist es für mich persönlich weniger belastend. Eine Station mit 30 Betten und kaum Personal zu versorgen, erfordert enorme Ressourcen. Mobilisation und Körperpflege mussten nicht nur einmal, sondern mehrfach täglich durchgeführt werden – das ist extrem kräftezehrend. Und das war bei weitem noch nicht alles. Medikamente richten und verabreichen, ärztliche Anordnungen durchführen, Patienten zu Untersuchungen bringen, der Wechsel von Inkontinenzmaterial, mehrfach auf klingeln gehen und Vieles mehr gehörten zu meinen täglichen Aufgaben. Psychisch ist es in der Angehörigenpflege aber deutlich intensiver: Ich nehme mir viel mehr zu Herzen, was meine Angehörigen sagen oder wie es ihnen geht. In der Arbeit lernt man sich abzugrenzen, wenn Menschen schwierige Verhaltensweisen an den Tag legen oder einen kaum gehen lassen wollen aufgrund des vielen Redebedarfs. Zuhause mit seinen Liebsten ist das oft eine Herausforderung. Außerdem gibt es niemanden, an den man Aufgaben delegieren kann – alles liegt bei mir. Man hat zudem nie richtig Pause, weil man ja quasi ‚in der Arbeit wohnt’. Die Pflege endet hier nie.
Was am Beruf der Pflegefachfrau gefällt dir und welchen Teil würdest du gern auslassen?
Mir gefallen strukturierte Arbeitsabläufe und zu sehen, wie es den Menschen nach und nach besser geht. Ich habe besonders Verbandswechsel, den Umgang mit Drainagen und Medikamenten geschätzt. Am tollsten fand ich meinen Einsatz auf der Intensivstation und habe lange überlegt, dort anzufangen. Was ich am liebsten weglassen würde, ist das nicht funktionierende System: Überlastetes Personal, wenig Zeit für Patienten, zu viel Bürokratie und ein Gesundheitssystem, das weder Patienten noch Mitarbeitende ausreichend unterstützt.
Wenn du neu anfangen könntest, würdest du deinen Job wieder wählen?
Nein. Was wirklich schade ist, denn die Pflege kann so ein schöner Beruf sein. Aber ich würde mich für einen anderen Weg entscheiden, wenn ich neu anfangen würde. Mit dem Wissen von heute würde ich nicht erneut in ein System eintreten, das sowohl Mitarbeitende als auch Patientinnen und Patienten überlastet und vernachlässigt. Die Pflege war und ist mein Traumberuf – doch ich möchte kein Teil eines Systems mehr sein, das so wenig funktioniert und seine Baustellen auf dem Rücken der Beteiligten austrägt.
Bevor ich aufgrund von Zeit- und Personalmangel schlechte Pflege leisten muss, möchte ich lieber nicht mehr pflegen.
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