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Ein Interview mit Carolin-Sophie Bausch über ein krankes System

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Carolin-Sophie Bausch

Psychische Gesundheit betrifft uns alle — doch: In Deutschland ist der Bedarf an Therapie deutlich größer als das Angebot. Obwohl rund 48.000 psychologische Psychotherapeut:innen und Kinder-/Jugend-Psychotherapeut:innen 2019 tätig waren, stieg diese Zahl in den letzten Jahren nur moderat an.

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as Ergebnis: Menschen, die Hilfe brauchen, müssen oft lange warten. Im Schnitt dauert es vom Erstgespräch bis zum Beginn regelmäßiger Psychotherapie etwa 142,4 Tage.


Gleichzeitig nimmt die Zahl der psychischen Erkrankungen und der Anfragen nach Therapie stark zu — viele fühlen sich überfordert, ausgebrannt oder brauchen Unterstützung.


Das darf nicht normal sein: Psychotherapie ist kein Luxus, sondern eine grundlegende Gesundheitsleistung. Jeder Mensch — unabhängig von Wohnort oder Einkommen — sollte die Chance auf Begleitung und Hilfe bekommen. Genau das ist es, was mich antreibt — darum mache ich Bewusstsein für diese Themen auf Social Media.


Mit 28 Jahren steht Carolin-Sophie Bausch an einem spannenden Punkt ihres Lebens: Sie studiert im Master Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität zu Köln – ein Weg, den sie erst nach einer bewussten beruflichen Neuorientierung eingeschlagen hat. Nach einem Bachelor in Betriebswirtschaftslehre folgte der Schritt hin zur Psychologie, erneut in Köln, wo sie heute ihre akademische Heimat gefunden hat. Parallel dazu teilt Caro auf Social Media fundiertes Wissen zu psychologischen Themen, Psychotherapie und dem Alltag im Psychologie Studium – verständlich, nahbar und mit einem klaren Ziel: Mental Health zugänglicher zu machen.


Warum hast du dich entschieden, Psychologie zu studieren - und was hattest du dir vom Studium erhofft?

Nachdem ich meinen Bachelor in BWL absolviert hatte, habe ich gemerkt, dass ich beruflich noch nicht angekommen bin. Ich habe mich schon immer für psychologische Themen interessiert und dachte mir, ich versuche es einfach mal. Da mein Abiturschnitt nicht gereicht hätte, um direkt nach dem Abi zu studieren, habe ich mich auf ein Zweitstudium beworben und wurde schließlich an der Uni zu Köln für den Bachelor in Psychologie angenommen. Ich hatte seitdem immer die Vorstellung Psychotherapeutin zu werden und Menschen mit meiner Arbeit helfen zu können. Denn das, was mir in meinem BWL Studium so fehlte, war der Sinn der Arbeit. Mein Wunsch war also, mit dem Psychologie Studium eine Möglichkeit zu haben, einen für mich erfüllenden Job ausüben zu können.


Was sind für dich die größten
Herausforderungen im Psychologie Studium - jenseits der theoretischen Inhalte?

Definitiv die teilweise mangelhafte Organisation von Seiten der Uni und die psychische Belastung. Da ich die erste Kohorte in dem neuen Masterstudiengang der klinischen Psychologie und Psychotherapie war, war vieles unklar. Die Verantwortlichen der Uni schienen oft überfordert zu sein und ebenfalls an ihre Belastungsgrenzen zu kommen. Neben der Uni blieb insbesondere im Master kaum Zeit für schöne Aktivitäten außerhalb der Uni. Selbst das Arbeiten im Nebenjob, um bei den steigenden Preisen über die Runden zu kommen, mussten viele Mitstudierende einstellen, da keine Zeit mehr dafür da war. Ich selbst bin ebenfalls mehrfach an meine Belastungsgrenze und darüber hinaus gekommen. Die unbezahlten Praktika neben der normal laufenden Uni Veranstaltungen und den parallel zu erbringenden Prüfungsleistungen waren oft einfach zu viel.


Wie erlebst du den Praxisbezug im Studium? Gibt es genug Möglichkeiten, praktische Erfahrungen zu sammeln?

Definitiv. Wir mussten insgesamt 3 Pflichtpraktika absolvieren. Zu diesen wurden wir von Seiten der Uni zugeteilt. Davon fand ein ambulantes Praktikum in der Ambulanz für Kinder- und Jugendpsychotherapie statt und ein weiteres in den Hochschulambulanzen der Universität. Und dann stand noch ein 3 monatiges Pflichtpraktikum in der Psychiatrie statt. Wir konnten Präferenzen angeben, ob wir dies auf den Stationen für Kinder und Jugendliche, in der Psychosomatik oder in der Psychiatrie absolvieren wollten.


Werden Praktikas bezahlt?

Nein, die eben genannten Pflichtpraktika nicht.


Nach dem Studium folgt die Ausbildung zur Psychotherapeutin - was bedeutet das finanziell konkret?

Nach der alten Regelung bedeutet das in den meisten Fällen, dass man circa 30.000€ bezahlt, während man im Monat circa 1.000€ verdient.


Wie realistisch ist es, dass sich Studierende die Ausbildung ohne familiäre Unterstützung leisten können?

Es kommt drauf an. Viele Studierende gehen neben der Ausbildung und den Wochenendseminaren arbeiten. Das ist jedoch auf Dauer mental und körperlich kaum aushaltbar. Die meisten nehmen einen Kredit auf und starten somit bereits verschuldet ins Berufsleben. Wenn man da keinen finanziellen Rückhalt von der Familie hat, sind das keine tollen Voraussetzungen. Scherzhaft - vielleicht auch, um die Situation nicht so an sich ranzulassen - bezeichnen sich viele als „Psychotherapeut*innen in Ausbeutung“ anstatt des offiziellen Begriffes der „Psychotherapeut*innen in Ausbildung“.


Findest du, dass die Politik oder die Universitäten genug tun, um diese strukturellen Hürden abzufedern?

Nein, auf keinen Fall. Es müsste viel mehr getan werden! Psychotherapie ist für die Gesellschaft und die Gesundheit der Menschen unerlässlich. Dass es den Studierenden so schwer gemacht wird, ihren Traumberuf, der unverzichtbar ist, ausüben zu können, ist für mich unverständlich und lässt mich fassungslos zurück. Von Seiten der Politik wurde durch die Reform des Psychotherapeutengesetzes versucht eine fairere Lösung für die Studierenden zu finden. Jedoch wurde der Plan nicht zuende gedacht und jetzt warten tausende Absolvent*innen auf einen Platz für die neue versprochene Weiterbildung.


Wie erlebst du den Konkurrenzdruck im Studium oder bei der Zulassung zur Ausbildung?

Der Konkurrenzdruck ist enorm! Es gibt recht wenige Plätze und sehr viele Bewerber auf die wenigen Plätze. Das ist sowohl bei der Zulassung zum Bachelor, der Zulassung zum Master als auch der Bewerbung auf einen Ausbildungsplatz so. Die meisten meiner bereits fertigen Mitstudierenden haben nichtmal eine schriftliche Rückmeldung zu ihrer Bewerbung erhalten.

 

Psychische Erkrankungen nehmen zu - gleichzeitig fehlen Therapeutinnen und Therapeuten. Wie erklärst du dir dieses Missverhältnis?

Zum größten Teil liegt das an der geringen Zahl der Kassensitze. Diese werden von der Politik vorgegeben und entscheiden darüber, wie viele Psychotherapeut*innen über die gesetzliche Krankenversicherung abrechnen dürfen und können. Aber auch insgesamt gibt es zu wenig Therapeut*innen, um den Bedarf zu decken. Ich denke das liegt auch daran, dass der Weg zum Psychotherapeuten/zur Psychotherapeutin einfach sehr lang und steinig ist und an vielen Stellen nicht ausreichend vergütet wird, z.B. in der Ausbildungszeit. Durch die finanziellen Hürden werden viele Absolvent*innen abgeschreckt oder sie entscheiden sich aufgrund des massiven Stresses und der enormen Belastung während der Ausbildungszeit dagegen. Gleichzeitig wäre es wichtig viele Menschen frühzeitig zu behandeln, da sich die Symptomatik über die Zeit bei fehlender adäquater Behandlung meist verschlechtert. Außerdem erhöht sich das Risiko für Komorbiditäten - also der Entstehung weiterer psychischer Erkrankungen.


Sprecht ihr im Studium über die politische Situation und die Fehlentscheidungen, die getroffen werden?

Ja, das ist bei uns oft ein Thema, egal ob in der Uni oder bei privaten Treffen. Es beschäftigt uns alle sehr, weil sowohl unsere persönliche Zukunft davon abhängig ist als auch die Zukunft des Landes. Gleichzeitig löst es bei vielen von uns aber auch eine große Hoffnungslosigkeit und Hilflosigkeit aus, da wir uns meist der Situation machtlos ausgeliefert fühlen.


Wenn du an die Zukunft des Berufsfeldes denkst - macht sie dir eher Hoffnung oder
Sorgen?

Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Politik reagieren wird und die Finanzierung der Weiterbildung klärt, sodass Stellen geschaffen werden. Wie lang das dauert, ist jedoch fraglich. So langsam kommt das Thema auch in der Bevölkerung an. Es finden einige Demonstrationen statt und auch die Medien greifen vermehrt das Thema auf. Das halte ich für einen sehr wichtigen Schritt in die richtige Richtung, der Hoffnung auf eine Veränderung der Situation macht. Dennoch wird es nicht leicht. Der Bedarf an Psychotherapie ist riesig und muss in Zukunft gedeckt werden. So wie die Situation aktuell ist (lange Wartezeiten auf einen Therapieplatz, hohe Kosten für die Ausbildung, fehlende Weiterbildungsplätze), kann sie meiner Meinung nach nicht bleiben.



Mehr über Caro findet ihr unter:


Außerdem bietet Caro persönliche Coachings an. Ein kostenloses Kennenlerngespräch kannst du unter folgendem Link buchen:


Einen tollen Beitrag hat auch Jan Böhmermann mit seinem ZDF Magazin Royal gemacht. Diese findest du hier: https://www.youtube.com/watch?v=mzMj-v1sMI4


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