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"How to be a Hamburger" by Mark Lyndon

vor 2 Tagen
6 Min. Lesezeit

Was hat der britische Wahl-Hamburger Lyndon nicht schon alles in seinen wortgewaltigen Redner-Shows thematisiert: skurrile Handy Dialoge, aus dem Ruder gelaufene Urlaube, Sherlock Holmes Persiflagen und höchst ambivalente Streßbewältigungsmaßnahmen. Dabei hat er den Blick stets auf national-stereotype Eigenarten von Deutschen und Engländern gerichtet. Und als ob das allein nicht für genügend Überraschungsmomente sorgen würde, verursacht sein gewitzter Sprachmix und die urkomische Form der direkten Übersetzung noch für zusätzliches Gelächter. Das ist Kleinkunst ganz groß mit ultimativer Lachgarantie und tiefen Einblicken in die britische Seele und letztlich auch in die von uns Deutschen. Kurz, ein Abend für Freunde der Britischen Inseln vom Feinsten und Erstrecht für Hamburger bzw. solche, die es nach fünf Generationen werden wollen - davor sind sie nur Quittjes. Mithin gehört auch er als brillanter doppelsprachiger Entertainer nicht direkt dazu, er lebt nur in Hamburg - wie man so schön sagt. Gerade auf diese Weise behält er wohl aber auch den Blick für das Komische.


Im Rahmen des Habourfront Literatur Festivals war der britische Schauspieler und Moderator Lyndon am 05.10. mal wieder zu Gast in der "Rathauspassage", einem Cafe-Buchladen, der a la Klein-Venedig herrlich direkt an der Kanaltreppe vor dem Rathaus liegt. Das soziale Projekt und den Beschäftigungsbetrieb unter dem Hamburger Rathausmarkt leitet in Kooperation mit Diakonie und Evangelischer Kirche seit 2019 Björn Dobbertin.


Musikalisch ausdrucksstark umrahmt wurden die drei Stunden von Pianist und Sänger Mathias Bozó, der für seine Filmmusikprogramme und Interpretationen von Udo Jürgens-Liedern bekannt ist. Als Einleitung läßt er gekonnt den Klassiker "Land of Hope and Glory" erklingen. Durch den Abend führte Magdalena Reusch (Leiterin der Künstleragentur Chaconne), die mit Betrachtungen über Jane Austens "Stolz und Vorurteil" einen ergänzenden "Britpoint" zu setzen wußte.  




Lyndon LIVE

"Hamburgers are special. Sie sind einzigartig, manchmal eigenartig".


Um es gleich vorweg zu nehmen: Beide Nationen bekommen ordentlich den Spiegel vorgehalten und gerade deshalb bleibt das Publikum bis zur letzten Minute wie gefesselt an seinen Lippen hängen. Die Anekdoten und Zötchen reihen sich nahtlos aneinander, ergo; trockener Humor bei typisch englischem Understatement ist garantiert. Und keine Angst: Durch seine geschickte Sprachmischung kann man dem "Programm mit Konzept" auch dann folgen und darüber lachen, wenn man nicht perfekt im Englischen ist. Überhaupt brauche jeder Deutsche immer ein Konzept, während er - Lyndon - auch gerne mal improvisiere.


Man könnte stundenlang zitieren, aber Lyndon muß man einfach live erleben, denn die Intonierung der beiden Sprachen setzt dem Ganzen die Krone auf. Egal, ob er die quietschig-hohe Stimmlage von Adligen aus dem Oberhaus nachahmt, die Queen höchst selbst zitiert oder bei Gesprächen mit Pubgängern nach Feierabend auf deren Maximalkapazität ihrer Blase nach erhöhtem Bierkonsum zu sprechen kommt (Stichwort: Mentalitätsunterschied). Überhaupt schlüpft er blitzschnell in beliebig verschiedene Rollen und klärt den Zuhörer schonungslos über die Bedeutung der Kaffeemaschine im deutschen Arbeitsalltag ebenso auf, wie über die Bedeutung der Teatime auf der Insel.



Das Hamburger Abendblatt schieb einmal über ihn: Wenn er vormacht, wie die "stiff upper lip" der Hanseaten funktioniert, würde er auch als Hamburgs früherer Bürgermeister Klaus von Dohnanyi durchgehen. Im Gegenzug hat er auch gleich die Geschichte einer deutschen Familie parat, die in einem englischen Theatre an einem Thursday bei einem Shakespeare-Stück unbedingt in der ersten Reihe sitzen möchte; was kein Brite tun würde und die Plätze dort daher ungewöhnlich günstig waren. Kein Wunder, wenn die Schauspielgrößen wie Alec Guinness auf der Bühne mit ihrem TH recht feucht in die Gegend philosophieren. "Aber sie wären keine Deutschen, wären sie nicht auf alles perfekt vorbereitet und - Schirmchen aufspannten".


Hin und wieder ist auch von seltsamen Begegnungen in den USA die Rede, denn wie heißt es so schön: Nichts trennt uns so sehr wie die gemeinsame Sprache. Ein Streitgespräch über die Bezeichnung für Fahrstuhl, in dem der Brite auf den Begriff "lift" und der Ami auf "elevator" beharrt, endet schließlich damit das der Brite sagt: "Es kann nur Lift heißen, denn wir haben Eure Sprache schließlich erfunden".

Aber auch Deutsche haben es manchmal nicht so sehr mit dem Englischen, wie die Badeaufsicht an einem Hotelpool. Sie wies daraufhin, daß er besser Badeschuhe anziehen solle, "against the champions". Gemeint hatte sie Champignons bzw. Mycosis, was Fußpilz bedeuten sollte.

Ein anderes Mal erzählte ihm eine Freundin, daß sie einen Ofen gekauft habe. Er verstand jedoch "orphan", also Waisenkind. "Gekauft?" Ja. "Das ist in Deutschland erlaubt?" Ja, aus zweiter Hand." Wie alt? "So etwa fünf Jahre ...."


Das Zugabe-Highlight war ohne Frage die Anekdote des Pferdefurzes in Richtung der Queen im Beisein des Lord-Mayors of London während einer Kutschfahrt:


Immer wieder werde er nach Vorstellungen auch auf seine Vorträge und süffisanten Bemerkungen angesprochen. Eine vornehme Dame soll einmal gesagt haben: "Sie halten uns Hanseaten ja ganz schön den Spiegel vor und gut kommen wir dabei nicht weg, aber immerhin lassen Sie es bei der Wortwahl an Respekt walten und zielen nicht unter die Gürtellinie". Solche Aussagen wertet er zurecht als Kompliment. Denn genau im Erkennen der feinen Grenzlinie liegt der Schlüssel zu seinem Erfolg.


Mark Lyndon über Lyndon

In der Pause habe ich Gelegenheit zu einem kurzen Gespräch mit dem Protagonisten Lyndon. Er (Jg. 1960) lebt nunmehr seit 44 Jahren in Hamburg und wird nicht umsonst "der Engländer von der Elbe" genannt. Dabei rollt er gerade im Deutschen das "R" manchmal wie ein Bayer. Als wir feststellen beide der gleiche Jahrgang zu sein, sagt er charming: "Yeah, also 49."


Der Schauspieler, Moderator und Kabarettist studierte Literatur und Theater in London (stammt aus Welwyn Garden nördlich von London und hat in Oxford die Schule besucht), bevor er 1981 für einen Besuch nach Hamburg (eigentlich wollte er eine Freundin in Lüneburg besuchen) kam - und ab 1982 blieb.

Dabei war der Start in Hamburg nicht einfach. Diverse Wohnungswechsel, Sprachschwierigkeiten und Missverständnisse. Allein die Wortlängen und Wortzusammensetzungen der indogermanischen Sprache machten ihm zu schaffen. "Nichtsdestotrotz" klingt im Gegensatz zu "well, anyway" wie eine Kampfansage und ist ein wahrer Zungenbrecher.


Er spielte bei den University Players und dem English Theatre; heute moderiert er überwiegend, veranstaltet Lesungen und hat eigene ausverkaufte Soloprogramme. Und er wäre nicht Lyndon, würde er den Umstand "ausverkauft" nicht genüßlich kommentieren: "Dafür müsste ein deutscher Komiker in London alle 300 Zuhörer einzeln bestechen!"




Und genau zu diesem Thema sind wir auch sofort im Gespräch. Von wegen die Briten könnten uneingeschränkt gut über sich lachen, das könnten Deutsche mindestens ebenso gut, wenn nicht besser. Was nicht heiße, daß Engländer mehr humorbereit seien.

Mit großem Interesse verfolgt der zierliche Brite mit den blauen Augen alles, was ich zu den einzelnen Themen zu sagen habe. Ich komme kaum dazu etwas zu fragen, schon ist er beim nächsten Thema. Er interessiert sich sehr für meine Sicht der Dinge, u.a. wie Deutsche immer mehr dem vorauseilenden Gehorsam verfallen und unter der Erosion eines einst stolzen "Made in Germany" immer mehr zu Underdogs werden, während sich die Briten und das Empire (ähnlich den Amerikanern) weiterhin als Nabel der Welt betrachten.


Und der Brexit, der sei ja nur zustande gekommen, weil der seinerzeitige EU-Beitritt 1973 irrtümlich erfolgte; die Briten gar nicht gewußt hätten, was jenseits der Insel läge. Und erst der Schock, daß dort überall Rechtsverkehr wäre, etc.


Er betreibt überall Milieustudien, hält Augen und Ohren offen, stellt gerne rhetorische Fragen. Warum z. B. so viele Osteuropäer wieder in die Heimat abwandern würden? Weil sie dort zwar nur Trabi-Leistungen erhalten, alles aber auch nur Trabi-Preise koste. Recht hat er, denn Deutschland ist inzwischen eine Servicewüste mit Mercedes-Preisen zu Trabi-Leistungen. In vielen Dingen sind wir uns spontan einig, worüber er fast erleichtert scheint und lächelnd nickt.


Wir wohnen beide hoch über den Dächern von HH und hadern ob der stundenlangen Südwest-Sonneneinstrahlung im Sommer mit den warmen  Temperaturen in den Räumen. Das auch zugereiste Deutsche das Klima in HH als zu warm empfinden würden, findet er interessant. Dabei ist er gerne auf den Kanarischen Inseln und in Los Angeles, wo es ja auch nicht gerade kühl sei. Um im Sommer überhaupt schlafen zu können, schalte er dann eine einfache Klimaanlage mit Schlauch nach draußen ein. Aber dann habe er Angst, daß jemand bei ihm über den Stockwerksumlauf einsteigen könnte; also doch  lieber Fenster zu.


Wenn er etwas vermisse, dann seien es diese "Monty-Python-Momente", wenn die Normalität zur Skurrilität wird. Das gebe es in Deutschland (bisher) so nicht. Was Briten und explizit Hamburger jedoch eine, sei eine ähnliche Art Dinge einfach nicht auszudrücken bzw. durch Unterlassen zu klären, eine besondere Form von Unterstatement mit feinem Gespür.


Eines steht fest: Kaum jemand ist so intensiv Hamburger geworden wie Lyndon selbst. Ob es wirklich stimmt, daß er eine Monatskarte auf den Namen Oscar Wilde besitzt, konnte ich aus Zeitmangel leider nicht mehr ergründen. Vielleicht ein anderes mal bei einer guten Tasse Tee im "Eaton Place" in HH-Ottensen.


Lyndons Tourprogramm der nächsten Monate ist straff. Am 26.11. ist an gleicher Stelle neben Mark Lyndon übrigens Buchautor Matthias Schatz (war lange in London als Finanz- und Kulturjournalist tätig) zu Gast, der aus seinem neusten Buch "London auf der Spur" liest.

Also dann, die Tickets sind in der Regel schnell vergriffen. Auch an diesem Abend war der Saal mit 199/ 200 Plätzen ausverkauft.


 

Anmerkung: Fotos PFritz

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