Die große Erschöpfung: Warum der Zwang zur Vollzeit der ultimative Realitätsverlust ist
- Sascha Brandt
- 26. Jan.
- 2 Min. Lesezeit
Die Union bläst zur Jagd auf die Teilzeit. Das Ziel: „Mehr Bock auf Arbeit“ erzwingen, um den Fachkräftemangel zu stopfen. Doch der Vorschlag ist nicht nur ein Angriff auf die Freiheit – er ist eine zynische Bankrotterklärung gegenüber einer Gesellschaft, die längst am Limit läuft.
Ein Kommentar von Kunst&Kante

Es klingt so herrlich simpel, fast schon mathematisch rein: Uns fehlen Arbeitskräfte? Dann müssen die Vorhandenen eben mehr arbeiten. Die Krankenstände sind hoch? Dann schaffen wir das Recht ab, kürzerzutreten. Carsten Linnemann und Teile der CDU haben den Schuldigen für die deutsche Wirtschaftsmisere gefunden: Es ist der Arbeitnehmer, der es wagt, ein Leben neben dem Beruf zu haben.
Die Forderung, den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit drastisch einzuschränken, wird als „Leistungsprinzip“ verkauft. In Wahrheit ist es der hilflose Versuch, Probleme des 21. Jahrhunderts mit der Peitsche des 19. Jahrhunderts zu lösen.
1. Die Logik des Hamsterrads
Das Argument lautet: Wenn wir alle wieder 40 Stunden malochen, ist der Wohlstand gerettet. Das ignoriert vollkommen, warum Menschen heute in Teilzeit gehen. Es ist selten Faulheit. Es ist Selbstschutz. In einer Welt, in der Verdichtung, ständige Erreichbarkeit und psychischer Druck die Norm sind, ist die Reduzierung der Stunden oft der einzige Weg, um nicht krank zu werden. Wer glaubt, man könne hohe Krankenstände bekämpfen, indem man erschöpfte Menschen in die Vollzeit zwingt, glaubt auch, dass man ein Feuer löscht, indem man Öl hineingießt. Die Rechnung „Mehr Stunden = Mehr Produktivität“ geht in der Wissensgesellschaft nicht auf. Wer ausgebrannt im Bürostuhl hängt, schafft in 40 Stunden weniger als ein ausgeruhter Kopf in 30.
2. Ein Schlag ins Gesicht der „Care-Arbeit“
Der Vorstoß ist zudem blind für die gesellschaftliche Realität der unbezahlten Arbeit. Wer pflegt die Eltern? Wer holt die Kinder ab, wenn die Kita mal wieder wegen Personalmangel um 14 Uhr schließt? Richtig: Meist Menschen in Teilzeit. Das Recht auf Teilzeit zu beschneiden, ohne zuvor eine utopische Infrastruktur für Pflege und Betreuung zu schaffen, ist kein Wirtschaftsprogramm. Es ist ein Programm zur Überlastung von Familien. Es drängt Menschen zurück in die Abhängigkeit oder in den totalen Burnout. Das ist nicht konservativ, das ist reaktionär.
3. Die Heuchelei der „Freiheitspartei“
Besonders bitter schmeckt der Vorschlag, wenn er von einer Partei kommt, die sich „Freiheit“ auf die Fahnen schreibt. Freiheit bedeutet auch die Souveränität über die eigene Zeit. Wenn der Staat oder der Arbeitgeber diktiert, dass Vollzeit die einzige akzeptable Norm ist, wird der Bürger zum reinen Produktionsfaktor degradiert. Der moderne Arbeitnehmer – und vor allem die Gen Z, über die sich so gerne echauffiert wird – hat erkannt: Zeit ist die härteste Währung unseres Lebens. Wer dieses Gut beschneiden will, macht den Standort Deutschland nicht attraktiver. Er macht ihn abschreckend.
Fazit: Mut zur Kante statt Zwang zur Norm
Wir haben keinen Mangel an Arbeitsmoral. Wir haben einen Mangel an gesunden Arbeitsbedingungen und funktionierender Infrastruktur. Der CDU-Vorschlag ist ein Placebo für eine kranke Wirtschaft. Statt das Recht auf Teilzeit zu schleifen, sollten wir darüber reden, warum Vollzeit für so viele Menschen heute wie eine Drohung klingt und nicht wie ein Versprechen auf Wohlstand.
Arbeit muss sich lohnen – nicht nur finanziell, sondern auch lebenswert. Alles andere ist keine Politik, sondern Körperverletzung mit Ansage.



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