Mach mal den Scheiß lauter.
Ich kann mich noch gut an die Vormittage in meiner alten Küche erinnern. An die Zwiebeln auf der Arbeitsfläche. Die Paprika. Die Kartoffeln. Neben dem Messerblock lag so ein großes Schneidebrett. Irgendwo standen Gewürze herum. Manchmal Sahne. Manchmal Mehl. Keine Ahnung. Was man eben braucht, um aus ein paar Lebensmitteln etwas zu machen, das hinterher hoffentlich irgendwie nach Mittagessen schmeckt. Dazwischen eine kleine, schwarze Musikbox. Verbunden mit meinem Smartphone. Für vernünftige Küchenorganisation oft ziemlich beschissen platziert. Für alles andere genau richtig.
Ich war allein. Die Musik laut. Ich schnitt Zwiebeln. In Würfel. Paprika in Streifen. Wie man das so macht. Egal. Ich bewegte mich dazu auf ne Art, die ich großzügig als Tanzen bezeichnen würde. Vielleicht peinlich. Aber für mich schon irgendwie cool. Es gab keine Jury. Das kam mir entgegen. Auf dem Herd wurde Wasser heiß. Vor mir wurde das Gemüse kleiner. Aus dieser Box kam genau das, worauf ich gerade Bock hatte. Ich musste nirgendwo hin. Ich musste niemandem etwas erklären. Ich machte Essen und hatte gute Laune. Beides gleichzeitig. Offenbar war das möglich.
Wenn ich heute daran denke, fällt mir auf, wie wenig ich in diesen Momenten über mich selbst nachgedacht habe. Ob das albern aussah. Ob ich gut sang. Ob ein erwachsener Mann beim Paprikaschneiden derart mitgehen musste. Musste er nicht. Er tat es trotzdem. Einfach, weil gerade ein richtig geiler Song lief und die Paprika ohnehin geschnitten werden musste. Naja. Irgendwann ging die Haustür auf. Schritte im Flur. Zwei bekannte Gesichter in der Küchentür.
„Mach mal den Krach leiser.“
Sie setzten sich an den Tisch. Ich griff zum Smartphone und machte die Musik aus. Nicht leiser. Aus. Damit war das erledigt. Jedenfalls der Teil, den man hören konnte. Das Wasser wurde weiter heiß. Die Zwiebeln mussten trotzdem geschnitten werden. Ich stand noch immer an derselben Arbeitsfläche. Nur getanzt habe ich dann nicht mehr. Das passierte öfter. Ähnliche Vormittage. Dieselbe Küche. Derselbe Satz. Bis der Satz einfach überflüssig wurde. Ich hörte die Haustür. Die Schritte im Flur. Und ich griff zum Telefon. Da stand noch niemand in der Küche. Da hatte noch niemand den Mund aufgemacht. Ich wusste trotzdem, was jetzt zu tun war. Praktisch eigentlich.
Wenn man sich erst einmal selbst abstellt, müssen andere sich nicht mehr darum kümmern.
Mich beschäftigt heute weniger dieser eine Spruch als die Selbstverständlichkeit, mit der ich irgendwann darauf vorbereitet war. Dieses beiläufige Wegdrücken von etwas, das mir gerade Spaß machte. Was ich geil fand. Ich habe darüber nicht jedes Mal eine Entscheidung getroffen. Ich stand nicht vor dem Schneidebrett und dachte: So, Torsten, möchtest du heute wieder ein bisschen weniger du selbst sein?
Ich wollte einfach keinen Kommentar hören. Keine Diskussion führen. Nicht schon vor dem Mittagessen begründen müssen, warum ich ausgerechnet diese Musik mochte. Also aus damit. War ja bloß Musik. Egal.
Natürlich kann Musik zu laut sein. Natürlich darf man jemanden bitten, leiser zu machen. Wer am Tisch sitzt und etwas erzählen möchte, muss nicht erst gegen Schlagzeug und Gitarren gewinnen. Zusammenleben bedeutet auch, aufeinander Rücksicht zu nehmen. Ich halte mich nicht für den einzigen Menschen mit Ohren und schon gar nicht für den einzigen, dessen Ohren etwas zu melden haben. Aber man hätte ja auch sagen können:
„Kannst du ein bisschen leiser machen?“
Ein vollkommen brauchbarer Satz. Alles drin. Wunsch erkennbar. Umsetzung möglich. Dafür brauch ich weder einen Gesprächsleitfaden noch drei Sitzungen Therapie.
„Mach mal den Krach leiser“ bringt aber noch etwas anderes mit. Da wird mein Geschmack gleich mit vom Tisch gewischt. Was für mich gerade Musik war. Freude. Ein guter Vormittag. Das war für andere offenbar etwas, das möglichst schnell wegmusste. Vielleicht war der Satz gedankenlos. Vielleicht haben die beiden längst nicht so viel hineingelegt, wie bei mir ankam. Ich weiß es nicht. Ist heute auch scheißegal. Ich kann nur sagen, dass ich irgendwann schon bei Schritten im Flur aufgehört habe zu tanzen. Und das finde ich rückblickend ziemlich beschissen. Weil da ein Mann in einer Küche stand, Zwiebeln schnitt und niemandem etwas getan hat. Einer, dem es gerade gut ging. Für ein paar Minuten. Zwischen Messerblock und kochendem Wasser. Man hätte ihn auch einfach kurz so lassen und sich woanders hinsetzen können. Platz gab es genug.
Vielleicht kennen andere diesen Griff zum Telefon in einer anderen Form. Man erzählt lieber nicht, welches Buch man gerade liest. Schaut eine bestimmte Serie nur noch allein. Überspringt im Auto ein Lied, sobald jemand mitfährt. Oder sagt schon vor dem Refrain: „Ja, ich weiß, ist eigentlich total peinlich.“ Dabei hat noch niemand etwas gesagt. Man kennt bloß das Gesicht, das gleich kommt, und nimmt sich vorsichtshalber selbst ein bisschen auseinander. Dann ist wenigstens klar, dass man Bescheid weiß. Als müsste man sich beim Freuen von einem vernünftigen Erwachsenen beaufsichtigen lassen.
„Du hörst so was?“, heißt es dann. Und natürlich gibt es eine Art, diese Frage zu stellen, bei der man tatsächlich etwas erfahren möchte. Meistens ist es aber die andere. Die, bei der „so was“ ungefähr klingt wie ein feuchter Fleck hinter dem Kleiderschrank. Man hört bereits, dass die Antwort falsch sein wird. Eigentlich fehlt nur noch das bedauernde Kopfschütteln darüber, was aus einem geworden ist. Ich finde das ja gerade bei Musik bemerkenswert. Wie sicher Menschen sein können, dass ihre Ohren die zuständige Instanz sind. Hier wird entschieden, was etwas taugt. Was man hören darf. Was man höchstens betrunken hören darf und hinterher bitte abstreiten muss.
Wenn ich z.B. an die Sex Pistols denke, denke ich jedenfalls nicht an Menschen, die vor dem ersten Akkord noch freundlich nachfragen, ob es am Küchentisch musikalische Einwände gibt. Dieses Rotzige. Diese Unverschämtheit. Dieses hörbare Desinteresse daran, einen gepflegten und guten Eindruck zu hinterlassen. Für die einen eine Zumutung. Für die anderen endlich etwas, bei dem sie nicht das Gefühl hatten, selbst die Zumutung zu sein. Drauf geschissen, was andere denken und meinen. Einfach leben.
Dafür muss man die Band nicht mögen. Man muss auch Punk nicht mögen. Wirklich nicht. Ich komme mit dieser Information zurecht. Vielleicht brauche ich einen Schluck Kaffee, aber dann geht es wieder. Mich interessiert daran etwas anderes. Dass dieselbe Musik den einen nervt und dem anderen zum ersten Mal das Gefühl geben kann, irgendwo dazuzugehören. Dass einer nur Geschrei hört, während ein anderer denkt: Ja. Geil verdammt. Genau so. So fühlt sich das an. Endlich sagt es mal jemand, ohne vorher die Kanten abzuschleifen.
Und dann schaffen wir es tatsächlich, auch daraus wieder einen Verein mit Aufnahmeprüfung zu machen. Dann kommen andere Expertinnen und Experten. Kennst du die frühen Sachen? Warst du schon Fan, bevor die im Radio liefen? Hast du die damals in diesem kleinen Laden gesehen, vor achtzehn Leuten und einem kaputten Klo? Warst du schon dabei, als die noch Umsonst und draußen gespielt haben? Nein? Schwierig. Fuck. Ja. Sehr schwierig. Und warum trägst du überhaupt dieses Shirt? Nenn mal drei Alben. Kannste nicht? Kannst Du nicht? Schwierig…
Ich möchte dann immer wissen, ob man anschließend einen Ausweis bekommt. Mit Lichtbild. Musikgeschmack Klasse B. Berechtigt zum selbstständigen Tragen bedruckter Baumwolle. Ich mein, gerade dort, wo Freiheit angeblich so viel zählt, wird mitunter erstaunlich gründlich kontrolliert. Man will sich von niemandem vorschreiben lassen, wie man zu leben hat, aber wehe, jemand trägt die falschen Schuhe dazu. Oder findet ausgerechnet das erfolgreiche Album gut. Oder singt bei einem Popsong mit, ohne durch einen möglichst gequälten Gesichtsausdruck klarzustellen, dass das selbstverständlich ironisch gemeint ist. Da rebelliert man gegen Anpassung und ist anschließend schwer damit beschäftigt, die anderen korrekt unangepasst zu bekommen. Muss man auch erst mal hinkriegen.
Ich höre gern Gitarren. Laute sogar. Das ist eine Vorliebe und keine persönliche Auszeichnung. Ich werde durch eine gute Platte kein besserer Mensch. Ich kann danach immer noch ungerecht sein, schlecht zuhören oder beim Abendessen unfassbaren Schwachsinn erzählen. Eine seltene Pressung im Regal übernimmt leider nicht die Arbeit am eigenen Charakter. Schön wär’s. Dann könnte man sich manche Entschuldigung einfach auf Vinyl kaufen.
Natürlich darf man Musik kacke finden. Man darf über einen Text streiten. Über einen Film. Über ein Buch. Man darf sagen, dass eine Geschichte nicht trägt oder ein Refrain klingt, als wäre er aus den Resten anderer Refrains zusammengesetzt worden. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der wir aus Rücksicht nur noch „interessant“ sagen und dabei alle genau wissen, dass wir „komplett beschissen“ meinen.
Aber selbst eine gute, begründete Kritik erklärt noch lange nicht, was ein Lied für einen anderen Menschen ist. Vielleicht lief es in einer Küche, in der bis morgens getanzt wurde. Vielleicht hat der verstorbene Vater es im Auto immer mitgesungen. Schief. Laut. Jedes verdammte Mal. Und heute würde man einiges dafür geben, ihn noch einmal so zu hören. Vielleicht erinnert dieser musikalisch völlig unspektakuläre Refrain an einen Menschen, neben dem man sich zum ersten Mal nicht verstellen musste. Den man liebt.
„Denn ich lieb doch schon so la la lala la la la lala lang..“ Mareike weiß dann sofort Bescheid.
Naja. Und dann kommt jemand und erklärt, dass die Akkordfolge aber wirklich wahnsinnig ätzend und langweilig sei. Kann sein. Nur hat gerade niemand von Akkorden gesprochen.
Und manchmal hängt auch keine große Geschichte dran. Kein Abschied. Keine erste Liebe. Kein letzter Sommer. Manchmal gefällt einem einfach der Refrain. Er geht los. Man singt mit. Fertig. Es muss nicht erst jemand gestorben sein, damit man ein Lied schön finden darf, das einem anderen nicht anspruchsvoll genug ist. Ich will meine Freude jedenfalls nicht jedes Mal mit einer bewegenden Hintergrundgeschichte rechtfertigen müssen. Manchmal möchte ich bloß Kartoffeln schälen und dazu etwas hören, das mir gefällt. Ohne anschließend vor der versammelten Küche zu erläutern, warum das unter Berücksichtigung meiner persönlichen Entwicklung möglicherweise doch vertretbar ist.
Deshalb finde ich auch diesen Ausdruck „Guilty Pleasure“ so merkwürdig. Ein Vergnügen, für das man sich vorsorglich schuldig erklärt. Man findet etwas gut, möchte aber bitte nicht für jemanden gehalten werden, der das tatsächlich gut findet. Also lacht man ein bisschen über sich, liefert die Entschuldigung mit und hofft, weiterhin als geschmacklich zurechnungsfähig zu gelten. Was für ein beschissener Aufwand für vier Minuten Musik.
Ich will gar nicht so tun, als hätte ich noch nie bei einem Lied die Augen verdreht. Natürlich habe ich das. Ich habe Meinungen. Einige davon sieht man vermutlich schon, bevor ich überhaupt was sage. Aber genau deshalb kann ich mich auch fragen, ob ich die jetzt unbedingt auf dem Gesicht eines anderen Menschen abladen muss. Da hat gerade jemand Spaß. Muss mein Urteil da wirklich noch dazwischen? Nee. Vielleicht könnte ich stattdessen fragen, was die Person daran mag. Und dann auch zuhören. Ehrlich zuhören. Ohne was zu sagen. Ohne meine Sichtweise sofort hinterher zu drücken. Ohne innerlich schon die nächste Bemerkung zurechtzulegen. Vielleicht erfahre ich etwas. Vielleicht gefällt mir das Lied hinterher trotzdem kein bisschen besser. Auch gut. Dann sitzen da eben zwei Menschen mit unterschiedlichem Musikgeschmack. Eine Situation, die ohne größere bauliche Maßnahmen auszuhalten sein sollte.
Wenn ich heute an diese Vormittage denke, würde ich meinem damaligen Ich gern etwas sagen. Nichts Großes. Ich würde ihm keinen Vortrag über Selbstachtung halten, während er ein Messer in der Hand hat und das Wasser auf dem Herd gleich überkocht. Er hatte genug zu tun. Ich würde nur sagen: Torsten. Du kannst das einfach nur leiser machen. Wirklich. Aber du musst nicht gleich alles ausmachen. Die anderen dürfen sich an den Tisch setzen. Sie dürfen erzählen, wie ihr Vormittag war. Und wenn die Musik zu laut ist, kann man darüber reden. Dafür muss niemand seinen Geschmack ändern. Ich nicht. Sie auch nicht. Du musst nicht bei jedem Schritt im Flur schon nach dem Telefon greifen. Da läuft deine Musik. Und deine Paprika ist auch noch nicht fertig geschnitten.
Allerdings gibt es heute einen Lieblingsmenschen in meinem Leben, der in eine andere Küche kommt, mich am Schneidebrett stehen sieht und vermutlich nur eine Frage hätte: „Kannst du den Scheiß etwas lauter machen? Ich hätte Bock zu tanzen.“
Und ich würde wieder zum Smartphone greifen. Diesmal, um lauter zu machen. Die Paprika kann kurz warten.





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